Im Nebel aus Blicken und Bäumen
verdunstet Holz über altem Leder; die Straße
zeigt nach Innen. In Wolken ertrinkend irren
die letzten Gedanken um Luft. Schale Gesten
zeichnen sich ab - und an. Ein neuer Hauch
wärmt sich unter die Rippen. Glas knistert
und ewiger Schnee. Irgendwo brennt noch
die letzte Erinnerung im Feuer der Sorge.
8.2012
Es nieselt. Hüstelnd schlendert ins Café
ein Mann mit Hut und Hündchen an der Leine.
Schlamm, Stiefel, Stöckel, Hundekot und Beine.
Schneeregen, Eiswind, Straße, Bäume, See
stellt er sich vor, bezahlt nicht angerührten Tee,
verlässt entschlossen das Café alleine.
2011
Rohrkolben, roh. In Gräsertiefe Zug
nach Düsterunten, weiter in den Sog.
Festhaltender, die Halme brechen, sink,
beiß in den schlingend vollen Wassermund.
Rohrkolben, rot. Licht bricht - kein Boot.
Licht bringt ein Blau, Fußsohlen sanft
am Weichkühl fahren auf, einzugraben.
Ein Wasserzug, ein letztes Ein. Rohrkolben, Rost.
2011
Wenn alles auf einmal Bedeutung gewinnt,
das Luftwort vom Nichts in der Sehnsucht zerrinnt,
streichelt ein liebender Eiswind das Herz,
die Seele ist wieder Kind.
Was ich heute weiß, es macht mich nicht mehr alt;
Entzaubertes längst, es lässt mich nicht mehr kalt.
Was, wenn wir nur Herbstlaub sind?
Blatt, flieg fort mit mir.
10.2012
Feinperlend kitzeln liebliche Sekunden
bis die Minute Bitterkeit erfährt.
Brecheisen, reingesteckt, beruhigen die Wunden,
bis mir die nächste Stunde widerfährt.
Ich seh ins dunkle Tief wie in das helle,
und nackt bei Frost auf blauem Eis verschnauf.
Wann kommt sie denn, die allerletzte Welle?
Ich rauche dich, Atemzug, noch auf.
10.2012
erlischen die fröhlichen lichter
verbrennen hochöfen die bäume
die kahlen verschneiten alleen
beherbergen leichen und blut
hinein in zerschlagene fenster
steigen die hungrigen diebe
und hausen in leeren quartieren
restpenner entzündeter strassen
die kranken bringen die krankheit
und heilen mit ihr die gesunden
von sorgen und angst um die zukunft
die letzen ansehnlichen mädchen
hängen leblos auf plakaten
die werbung vergangener tage
2007
harmonisch versinken skelette
in blutübertrunkenem wasser
zerfallen die schäbigen säcke
am steinigen schaumigen ufer
das boot kommt und nimmt eine menge
unlustig und zaudernd steigen
die nächste die nächsten die nächsten
kommt schneller! die nächsten aufs boot!
wiederum widerlich solches:
lässt dienstmann schädel zerschellen
die waren doch von den vätern
zu zeugen die edle geburt
kamm anzug brille krawatte
das rote gesicht. fallen stücke der haut raus
man sieht wangenknochen und zähne
und dieser hier war ein professor
und jener hier gar präsident
gehen alt und gebeugt über leichen
die zahnhälse gucken schon raus
ach könnten die kinder doch nur korrumpieren
doch sind von geburt an zu alt
kein strahlen kein glanz keine frische
die wachen tun nur ihren job
wir werden dem boot nicht entkommen
auf feuriger gegenseite
der anderen seite des flusses
da macht es gerade nun kehrt
die schädel glänzen die haut ist weg
man sieht sogar hinter die rippen
die furcht sie zerfrisst die gedärme
nur fröhliches pfeifen der wachen
erheitert die sterbende seele
wer selig ist tritt die gebeine
spielt fussball mit festeren schädeln
die meisten sind doch wie papier
die schädel und ganze skelette
der starrenden harrenden menschen
sie brechen und brechen zusammen
das boot kommt nun an: unser schicksal
wir setzen uns traurig hin
die füsse im blutigen wasser
wir fahren hinein in die gluten
und fangen geschwind an zu brennen
12.2005
Der See speit Baumstämme; wie Vorhänge fallen
müde Vogelscharen. Wasser gefriert zu Land,
während Kälten noch schlafen. Das Abendgrün
vor der kurzen Winternacht der Sonne zieht
sich zu; dickflüssiger Nebel steigt auf, und oben
zerfällt zu Staub, was einst Wärme versprach.
8.2012
Im Wissen, dass ich sie unmöglich kriege,
Die Fliege störte mich beim Schlafen gut.
Ich brach die Klatsche, Misserfolge feiernd.
Der Tee floss aus der Tasse auf den Teppich,
Verschüttet: "Scheiße! Fuck! Verdammt! Verflucht!" -
Die Vögel zwitscherten, die kleinen Hurensöhne.
Das Ei entglitt der ungeschickten Hand
Und fiel - wer will, verfilme es - zu Boden.
Ich schmiss die Tasse gegen eine Wand.
Der Dienst tat rufen, "Wo ist meine Knarre?"
Über den Freund und Helfer lachten draußen Rentner.
"Verfickte Vögel!" schoss ich aus dem Fenster.
2011
Ein sanfter Friede kehrte ein,
Schnee deckte weiß dein Haar,
und nur dein Blick blieb dunkel.
Du sahst mich immer, und du sahst
mich immer wieder, immer wieder an.
Welch weißes Wunder: ich sah dich.
Du flochtest Flocken in dein Haar,
sie blieben kalt und ganz: ganz du.
Ich hörte deinem Flüstern zu.
Nie wieder musst du runter, Kind,
bei Fernweh frier nicht fest:
nicht diese Welt, das Weltall rief!
Nicht lange, ein paar Dinge noch
muss ich hier tun. Dann fort.
Und morgen kann es schon so weit,
und ich so nah dir sein. Im Traum
seh ich dich immer, und ich seh
dich immer wieder, immer wieder an.
10.2012
Die langen Morgen werde ich vermissen,
Sobald mein Sarg ins Erdloch wird versenkt, -
Die frühen Morgenstunden, dich, Alleine,
Die du so treu, geduldig, rein wie keine,
Und dich, mein Freund Allein, der reich beschenkt
Durch wache Geistesgegenwart die schnellen Stunden;
War nie geneigt zu Partnern, Kindern, Katzen, Hunden,
Brieffreunden, Hamstern, - mir gefällt das Reine,
Das endlos Leere, dunkel Stille, unvergänglich Eine.
11.2010
Zeig Dich, Du bist
Blicke, die leben können,
Worte, die fehlen.
Sprache, bedeutungslos
ohne Deine Alabasterhände,
die Welten zeichnen
im Eis der Zeit.
Wind, ziellos; ich, ein Fels
aus Sinndiamant
über Karbongestein.
2013
Dichtes saftiges Gras unter stahlblauem Himmel -
hier auf dem Hügel endet die Straße, und man sagte mir,
du gingst hierher als Kind bei Gewitter. Ein leichter Tanz
mit den Blitzen. Sie trafen leider nicht. Wo ist deine Kindheit?
Jahreszahlen sind ohne Bedeutung seit einiger Zeit,
doch eine einzige spannt Regenbögen über unser Leben zusammen
mit dem Tod. Unsere Zahlen passen nicht zueinander, und auch
unsere Vorstellungen von der letzten Reise.
Als hättest du meinen Arm gestreift: ich habe dieses
Pfirsichgefühl auf der Haut, das sich nicht simulieren lässt,
doch ich weiß, dass es nur der Wind war. Wir sollten uns treffen,
wenn Kinder über unseren Gräbern Pfirsiche pflücken.
8.2012
Was bricht Eisbrecher längs entzwei,
löscht Flammen nur im Halbhauch, krümmt
den Raum zeitwärts? Wem begegne
ich nur in Schlafs alpinen Träumen?
Was gibt es nicht auf dieser Welt?
Ist Mädchen nicht des Rätsels Lösung?
Das Mädchen, eines nur, und Universum strahlt vor Sinn!
Wenn Mädchen wären, wäre Tod nicht unser Herr -
es wär das Herz. Darf ich ein Mädchen hoffen,
das nie gesehen, an der Höhlenwand erahnt?
2012
Das Kraftwerk vor der Tür ist still und kalt;
noch schmeckt die Luft, noch reifen Blutorangen,
das Leitungswasser perlt, die Köstlichkeit im Mund, -
du atmest durch, trabbst weiter durch den Wald.
Das Leben streicht dir eine Träne ins Gesicht,
du singst unter der Dusche, kochst den Tee,
schreibst ins Notizbuch, öffnest Fenster weit,
und gehst ganz sicher. Es ist nur der Wind,
doch in den Träumen ist er wieder da.
Dir wird so heiß, und du springst in den See.
2011
Ich trauerte - wie tief, kaum zu erahnen,
doch traute mich mit Schwermut nicht ans Licht:
Empfindsamkeit stand nicht auf meinen Fahnen,
und kauzige Bösewichte trauern nicht.
Er - traurig? Nein, er ist nur seltsam, komisch,
ganz fremd, so anders, - ihm Gefühle zugestehn?
Ihn einen Menschen nennen kann man anatomisch,
doch Mitmensch? Nein, lass uns zur Seite gehn.
9.2012
Freunde sind keine Steine: Freunde sammelt man nicht.
Dem Herzen sind sie nicht zum Scheine,
und für es da, wenn es bricht.
Ich könnte dir itzund schreiben: bau mich auf, mein Freund!
Ich lasse es jedoch bleiben: Leid trag ich, und wir teilen Freud.
Doch du hättest mir beigestanden: das ist es, was, Junge, zählt.
So viele Freunde verschwanden im Schoss der selbstsüchtigen Welt.
Freunde verliere ich gern, wenn sie keine mehr sind.
Auch mich halt nicht fest, wenn du spürst,
dass wir Fremde geworden.
9.2012
Im Meer, gehüllt in Nebel, ragst du, Insel,
mit hohen Klippen aus dem Blau hervor.
Unnahbar und so einsam, kindlich Mädchen,
das sich im Tagtraum aus dem Takt verlor.
Aus sichrer Ferne die Konturen deines Körpers
betrachte ich, verrückt nach deinem Blick, -
und doch in ängstlicher Bereitschaft, zu verschwinden,
falls sich dein Kopf nach hinten dreht, und ungeschickt
schau ich zu Boden statt zu dir, und schmieg mich nicht
sanft an dein Haar, das ich so süchtig rieche
vielleicht auch noch vom Mond, wenn ich dorthin,
aus Angst, dein zartes Herz zu öffnen, fliehe.
1.2013
Ich dreh, mein lieber Freund, so gut wie durch!
Weck mich, wenns schläft. Beiß zu, du Mund
hellweißer schmucker Zähne. Koche, Blut!
Haar, fall auf meine Schulter, links von mir,
Jungfrau, nimm Platz, begleite in den Wahn
den alten guten Mich, näht mich zusammen,
ihr die dem Schicksal seine Fäden zieht,
dem harten Wolfe seinen Hungerzahn.
2011
So kurz die Sommernacht, die Heide brennt, knackt trocken
der Boden unter schnellen Füßen, übereiltes Suchen
nach einem Mädchen, nein, nach zwei, die Feuer locken
schlaflose Augen in falsche Richtung, hin zum See,
wo Mondschein auf dem Wasser brennt; die Nacht kühlt aus.
Der Sternenstaub gefriert zu leis geweinten Tränen,
geruchlos; atemlos setzt sich die Suche fort,
doch Nirgendwo ist nirgends. Nimmt die Nacht ein Mädchen,
und stößt das zweite von sich in den Tag.
Das Mädchen krallt sich in die Nacht und lässt nicht los.
Fortan ist sie tagsüber unauffindbar,
ein zarter Traum, Mirage, doch flüsternd lockt die Nacht
ins weite Feld, zum See, auf leere Straßen, Gleise, Schienen,
und auf die Klippen, wenn das Herz nicht länger will.
3.2013
Den Schmerz der Vernichtung in Millisekunden
erleben - am Leben, doch Leben verschwunden, -
heißt, Trug der Verbundenheit endüberwinden,
und nie mehr die Zeit mit der Suche zu schinden.
Gesichter sind Masken an leblosen Dingen,
ein Lächeln versuchst du dem Nichts abzuringen.
Du musst dich ins Dunkel von Blicken entfernen,
und ohne Verbitterung Einsamkeit lernen.
9.2012
Suche das unauffindbare Mädchen
auf Feldwegen im Morgennebel,
starre in gläserne Fernen; finde
verbrannte Gräser, ins Bangen
verbannte Hoffnungen.
Suche das unaussprechliche Mädchen
hinter verlassenen Bahnhöfen:
wie alte Burgen enthüllen sie
das Herz der Unzeiten.
Gehe durchs Heidekraut hinauf
den abernächsten Hügel nichtswärts.
Suche das unfassbare Mädchen, glaube
an das unglaubliche Mädchen, fühle
die Nacht in ihrem Atem, die kühlen,
unendlichen Blicke.
2013
Ich bin verschämt, verfroren,
eisstill, nachtgrau, luftschal;
zum Schein nicht auserkoren.
Verberge mich nicht - bin verborgen;
laufe nicht weg - bin fort,
versteckt am raumlosen Ort.
9.2012
Ein Narr war Arro -
teilten ihn entzwei.
Sein Herzschmerzblei -
nicht ganz bleifrei
Schwarz auf Weiß
im Ausweis
stand: Selbstmitleid.
Die Hälften barsten.
Satt Aasfresser grasten,
aasten. Nie war Fasten.
Dem Arro Trübsal, denen Tanz.
Er harrte aus,
biss sich in den Schwanz,
Mit sich selbst wurde eins,
Seitdem ist Arro ganz.
2011
Liebe Nihilina,
lieber nicht.
Wir sind nichts
in Nihilien.
Und versteinern wir,
so wird Nihilit.
2008
Dein Name sei auf ewig ungenannt,
du Schüchterne! In dunkler Jahreszeit
du Abend, Nacht, Unsterblichkeit!
Dein Name ist mir wohlbekannt.
Am Fluss der Nebel, das ist nah bei dir,
du Immermädchen! Weht dein Winterhauch
seit diesem Frühherbst, und im Frühling auch.
Am Fluss der Nebel, da bist du bei mir.
Wir halten uns nur schweigend an den Händen,
weltscheue Träumer! Ach, dein frecher Blick
krallt sich mein Herz, und du dich fest in mich:
wir halten uns für Träume, niemals endend.
10.2012